1. Einleitung

Anschließend an meinen letzten Post zur ‘Digitalen Transformation’ als Auslöser der zunehmenden Umbrüche und Veränderungen, möchte ich heute meine Überlegungen darlegen welche Auswirkungen sich für unseren beruflichen und persönlichen Alltag dadurch ergeben können.

Zur Veranschaulichung noch eine sehr kompakte Visualisierung des Harvard Innovation Lab über die technische Transformation des Schreibtisches:

Quelle: http://bestreviews.com/best-standing-desks#the-transformation-of-the-desk

Zunächst ist es wichtig, die Dimensionen der Auswirkungen zu verdeutlichen. Es geht nicht mehr nur darum einzelne Tools, Regeln oder Gesetzmäßigkeiten anzupassen oder sich das neueste iPhone zu kaufen.

Die Denkmuster der letzten Jahrzehnte werden uns nicht helfen den weiter zunehmenden Veränderungen gerecht zu werden. Die zunehmende Komplexität des Umfeldes erfordert gänzlich neue Ebenen. Allein mit dem Wissen über den Bau eines Flugzeuges wird man auch nicht in der Lage sein zum Mond zu fliegen…

 

2. Paradigmenwechsel

Weiterhelfen kann hier der Begriff des Paradigmas. Wie bei vielen Definitionen, ist eine Erklärung dieses Begriffes nicht eindeutig anerkannt. Folgender Ansatz reicht aber für die weiterführenden Erläuterungen aus.

“Ein Paradigma (Pl. Paradigmen oder Paradigmata) ist eine grundsätzliche Denkweise. Seit dem späten 18. Jahrhundert bezeichnet Paradigma eine bestimmte Art der Weltanschauung oder eine Lehrmeinung.


[…]Paradigmen spiegeln einen gewissen allgemein anerkannten Konsens über Annahmen und Vorstellungen wider, die es ermöglichen, für eine Vielzahl von FragestellungenLösungen zu bieten.”

Quelle: Wikipedia

Genaugenommen befinden wir uns also in einer Phase des Paradigmenwechsels. Auch dieser Begriff wurde, interessanterweise wie auch das ‘Moorsche Gesetz’, auf das ich in meinem letzten Beitrag verwiesen habe, bereits in den 60er Jahren geprägt:

“Der Ausdruck Paradigmenwechsel wurde 1962 von Thomas S. Kuhn geprägt und bezeichnet in dessen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftshistorischen Schriften den Wandel grundlegender Rahmen-bedingungen für einzelne wissenschaftliche Theorien, z. B. Voraussetzungen „in Bezug auf Begriffsbildung, Beobachtung und Apparaturen“,[1] die Kuhn als Paradigma bezeichnet.” 

Quelle: Wikipedia

Bei aller Theorie und dramatisch klingenden Zukunftsszenarien sind die meiner Beobachtung nach neuen Paradigmen wiederum nicht neu, sondern gewinnen lediglich (wieder) an Bedeutung.

 

2.1 Authentizität

Quelle: Fotolia

Quelle: Fotolia

Ich bemühe an dieser Stelle mal nicht das “allwissende” Wikipedia. Im Grunde ist es recht einfach. Es geht um die Kongruenz, also Übereinstimmung von “Motiv & Verhalten”, von “Reden & Handeln”, usw. In meine Gleichung habe ich noch das “Denken” mit aufgenommen. Denn meist beginnt eine fehlende Kongruenz bereits an dieser Stelle.

Nun wissen wir, dass diese Gleichung nicht immer exakt aufgeht. Ich behaupte aber, dass diesem Anspruch wieder mehr Bedeutung beigemessen wird. Denn scheinbar wurde diese Forderung bereits in den 70er und 80er Jahren zum Ausdruck gebracht.

Auf Docupedia ist dazu festgehalten:

“„Sei authentisch!” – diese Anforderung an das moderne Selbst ist insbesondere in alternativen Milieus der 1970er- und 1980er-Jahre geprägt worden und findet heutzutage in einer zunehmend medialisierten und digitalen Welt neue Bedeutung.


[…]Persönlichkeitskultur, die auf Authentizität, d.h. Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Überzeugungskraft sowie auf Empfindungen und Emotionen setzt. Authentizität kann insofern als ein modernes soziales Kommunikationsideal aufgefasst werden, das sowohl eine Moralisierung als auch eine Privatisierung von Kommunikation anzeigt.” 

Quelle: Docupedia

Die Geissens, Quelle: loomee-tv.de

Big Brother, Die Geißens und weitere ähnliche Formate spiegeln u.a. diesen Trend wieder. Ich würde sogar soweit gehen, dass soziale Netzwerke – ja, auch Facebook – einen Beitrag dazu leisten. Warum? Weil reflektiert eingesetzt, entscheidet jeder Nutzer, bewußt oder unbewußt darüber, was und wieviel er von sich, seinen Meinungen und Einstellungen öffentlich macht.

Selbstverständlich gibt es hier unterschiedliche Auffassungen darüber wie weit man sein Meinungs- und Gefühls-Striptease der digitalen Öffentlichkeit preisgibt. Aber das gehört ebenfalls zu der jeweiligen, individuellen Authentizität und war im Übrigen auf dem Schulhof, in der Clique oder dem Stammtisch nicht anders. Auch dort gab und gibt es “soziale” Reaktionen, die hier ggf. korrigierend eingreifen – nur in kleinerem Umfang und direkter.

 

2.2 Individualität

Auch dieser Begriff ist nichts Neues oder Revolutionäres. Allerdings hat die Bedeutung immens zugenommen. Es geht dabei nicht um Egoismus, sondern darum, dass jeder Mensch hoch individuell ist und jeder Einzelne das Bedürfnis hat seine eigenen persönlichen Wünsche und Bedürfnisse auszuleben.

Wenn wir uns die Modellvielfalt bei Volkswagen oder anderen Autoherstellern betrachten, hätte man diese Angebotsbreite und -Tiefe vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten. Die Entstehung von Handy-Klingeltöne oder Plattformen wie Amazon oder Spotify sind ebenfalls auf diesen Individualisierungswunsch zurückzuführen.

Mittlerweile sind diese Annahmen wissenschaftlich belegt. Der amerikanische Professor Dr. Steven Reiss ist in den 90er Jahren in einer mehrjährigen Forschungsarbeit der Frage nachgegangen was Menschen antreibt. Die gewonnen Antworten und Erkenntnisse hat er in Cluster von 16 Lebensmotiven zusammengetragen. Das Spannende daran ist die Erkenntnis, dass es nicht 3,4 oder 5 Standardmotivschubladen gibt, sondern deutlich mehr und vor allem die Kombination untereinander hoch unterschiedlich und entscheidend für die Persönlichkeitsausprägung ist.

Das daraus entwickelte ‘Reiss Profile’ deckt 6.000.000.000 Kombinationsmöglichkeiten ab. In meiner Arbeit als zertifizierter Reiss Profile Master kann ich diese Theorie bestätigen.

Aus der eigenen Praxis: Gegenüberstellung unterschiedlicher Reiss Profile

Aus der eigenen Praxis: Gegenüberstellung unterschiedlicher Reiss Profile

Was man an diesen wenigen realen Beispielen sehr gut ablesen kann, sind die unterschiedlichsten Motivausprägungen. Damit verbunden sind die hochindividuellen Wege Lebenszufriedenheit und optimale Leistungsfähigkeit zu erreichen. Ebenfalls macht es sichtbar an welchen Stellen potentielle Konflikte in Teams liegen.

Detailliert auf die Interpretation dieser Profile einzugehen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Bei Interesse kann man sich unter den o.g. Verlinkungen über das Reiss Profile informieren oder sich an mich wenden.

 

2.3 Selbstbestimmung

 

Wer erinnert sich noch an das Apple Event im September diesen Jahres? Eine Show der Superlative! Das neue iPhone6 und iPhone 6+, die lange erwartete Apple Watch und der Knaller am Ende der Show:Das brandneue Album ‘Songs of Innocence’ von U2 wurde kostenlos an alle 500 Millionen iTunes Nutzer verschenkt. Ein grandioser Coup für beide! Und sie haben noch eines drauf gesetzt: Das Album wurde automatisch auf jedes Gerät hochgeladen – ist das nicht ‘real american convenient’?!

141211_US_Interview
Quelle: U2 Facebook Page

Für viele Nutzer Nein! Der letzte Schritt löste einen unerwarteten Shitstorm aus, der Apple dazu veranlasste Usern komplizierte Tipps zu geben wie sie das Album von ihren Geräten bekommen.

Auf die Frage eines Facebook Nutzers entschuldigte sich Bono sehr ausführlich für diesen Schritt. Er habe die Reaktion falsch eingeschätzt.

“Can you please never release an album on iTunes that automatically downloads to people’s playlists ever again? It’s really rude.”

[…]“Oops … I’m sorry about that. I had this beautiful idea … might have gotten carried away with ourselves. Artists are prone to that thing. A drop of megalomania, a touch of generosity, a dash of self-promotion, and deep fear that these songs that we poured our life into over the last few years might not be heard. There’s a lot of noise out there. I guess, we got a little noisy ourselves to get through it.” Quelle: consequenceofsound.net

Was war passiert? Ein großer Teil der Apple-Kunden empfand es offenbar als Eingriff in die Privatsphäre, dass Apple etwas ohne vorher um Einverständnis zu Fragen auf ihr Gerät hochgeladen hat.

In die gleiche Kerbe schlägt die kontroverse Diskussion um den Datenschutz. Es geht nicht darum, dass persönliche Daten gespeichert werden, sondern darum was damit gemacht wird und ob Personen darüber Transparenz und einen Einfluss darauf haben.

Jeder hat wahrscheinlich schon beobachtet, dass Menschen sehr unterschiedliche Auffassungen dazu haben. Hier schließt sich der Kreis, denn es greifen die oben beschriebenen abweichenden Motivausprägungen.

Mehr zu den Auswirkungen für Organisationen gibt es im nächsten Beitrag…